Biografie
„Bewegt beuge ich meine Knie vor meinen dichtenden Märtyrerfreunden. Gustav Landauer riss man den gewaltigen roten Pocher aus der Brust.“
Else Lasker-Schüler
Geboren am 7. April 1870 in Karlsruhe
Ermordet am 2. Mai 1919 durch rechtsradikale Freikorps in München
„Nie kommt man durch Gewalt zu Gewaltlosigkeit.“
Gustav Landauer
Gustav Landauer stammte aus einem assimilierten jüdischen Elternhaus. Wie viele im liberal gesinnten badischen Bürgertum pflegte auch seine Familie den Geist humanistischer Bildung mit deutlicher Kritik am preußisch-autoritären Kaiserreich. Hierin gab es große Ähnlichkeiten seiner Kindheit mit denen von Else Lasker-Schüler und Helene Stöcker. Landauer studierte Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Straßburg und Berlin. In der Hauptstadt pflegte er intensive Kontakte zur Arbeiterbewegung und zu ihren Bildungsvereinen. Er wurden zum Mitbegründer der Neuen Freien Volksbühne und der Berliner Arbeiterkonsumgenossenschaft Befreiung. Er war zudem führender Aktivist im Streik der Berliner Konfektionsschneider und einer der Köpfe der Künstler*innen-Kommune Neue Gemeinschaft. Hier traf er Else Lasker-Schüler, Martin Buber und den anarchistischen Dichter Erich Mühsam; mit ihnen entwickelte er langjährige Freundschaften. Gustav Landauer gab verschiedene sozialistische Zeitungen heraus und veröffentlichte bedeutende eigene Bücher. Darüber hinaus war er als Übersetzer tätig und übertrug Texte von Shakespeare, Oscar Wilde, G.B. Shaw und Walt Whitman ins Deutsche. Durch die Übertragung der Gedichte Whitmans wurde der Dichter auch für Armin T. Wegner zugänglich, der ihn als poetisches Vorbild wählte. Landauers Übersetzungen des russischen Gelehrten und Anarchisten Peter Kropotkin setzen bis heute Maßstäbe. Neben alldem arbeitete er erfolgreich als Dramaturg, u. a. für das Theater in Düsseldorf.
„Austreten aus dem Kapitalismus! […] Wir beginnen mit dem Sozialismus, indem wir aufhören, Knechte des Kapitals zu sein. Wir beginnen mit dem Sozialismus, indem wir nicht mehr als Lohnarbeiter für den Warenmarkt produzieren. Die eigene Arbeit um des schönen Lebens und der inneren Seligkeit willen zusammen mit arbeitenden und helfenden Menschenbrüdern und Schwestern in den Dienst des eigenen Verbrauchs stellen – das ist der Beginn des Sozialismus.“
Gustav Landauer, 1908
Landauer zählte von Anfang an zu den entschiedensten Kriegsgegnern. Während des Ersten Weltkrieges begann seine Zusammenarbeit mit Helene Stöcker im Bund Neues Vaterland. Kurt Eisner, nach der Novemberrevolution 1918 Ministerpräsident des Freistaates Bayern, holte Landauer als Berater nach München, wo er als Delegierter des bayerischen Zentralarbeiterrats und dann in der Münchener Räterepublik als Beauftragter für Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft und Künste tätig war. Als es 1919 zur Zerschlagung der Münchener Räterepublik kam, wurde der bekannte pazifistische Revolutionär und jüdische Schriftsteller Gustav Landauer für die antisemitischen Freikorps zum mehrfachen Feindbild. Die Folge: Rechtsradikale Freikorps-Truppen, die im Auftrag der SPD-geführten Berliner Reichsregierung handelten, machten Landauer zu einem der ersten und prominentesten Opfer des so genannten weißen Terrors. Er wurde von ihnen im Gefängnis Stadelheim grausam ermordet.
Landauers Vermächtnis ist sein Siedlungs- und Genossenschaftssozialismus, ein praktisches und zugleich geistiges Projekt der Freiwilligkeit, welches von kleinen Gruppen jederzeit gestartet werden kann. Landauer verwarf jegliches Warten auf später, sei es das Warten auf Wahlsiege oder das Warten auf die künftige Revolution: Sich und die Welt jetzt und hier verändern in wirtschaftlicher Selbsthilfe und gegenseitiger Hilfe städtischer und ländlicher Kommunen. Seine Idee der gewaltlosen Siedlungskommunen beeinflusst bis heute viele Aussteiger*innen. Bereits unmittelbar nach seinem Tod etwa Siedler*-innen auf dem Monte Veritá in Ascona, die Barkenhoff-Kommune in Worpswede oder in Düsseldorf die Siedlung Freie Erde. Damit antizipierte Landauer viele soziale und ökologische Bewegungen der Gegenwart und der Zukunft. Seine Ideen boten dynamische Alternativen zu den beiden Hauptströmungen seiner Zeit: Zum wilhelminischen Großmacht-Kapitalismus, -Imperialismus und -Militarismus ebenso wie zum Marxismus. Letzteren kritisierte er weitblickend und fast prophetisch sowohl in seinen sozialdemokratischen als auch in seinen kommunistischen Varianten.
„Wir warten nicht auf die Revolution, damit dann der Sozialismus beginne; sondern wir fangen an, den Sozialismus zur Wirklichkeit zu machen, damit dadurch der große Umschwung komme.“
Gustav Landauer
Veranstaltungen:
Sonntag / 5. Mai // 11 Uhr
Erinnern an die Zukunft – Eröffnung des Festivals
CityKirche
Sonntag / 5. Mai 2019 // ab 14 Uhr
Forum der Initiativen I
CityKirche
Donnerstag / 9. Mai // 19 Uhr
100 Jahre Mord an Gustav Landauer
Ausstellungseröffnung
Bergische VHS
Samstag / 18. Mai // 14 Uhr
Forum der Initiativen II
Bergische VHS
Literatur (Auswahl):
Gustav Landauer: Die Revolution. Frankfurt / Main 1907.
ders.: Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes. 1908 / 1910. In: Siegbert Wolf, a.a.O.S. 126.
ders.: Aufruf zum Sozialismus. Berlin 1911.
ders., Beginnen, hg. von Martin Buber, Köln 1924.
Ulrich Klan / Dieter Nelles: Es lebt noch eine Flamme. 2. Auflage. Grafenau 1990.
Siegbert Wolf (Hrsg.): Gustav Landauer – Auch die Vergangenheit ist Zukunft. Köln 1989.
Michael Matzigkeit (Hrsg.): „ ... die beste Sensation ist das Ewige“ Gustav Landauer – Leben, Werk und Wirkung. Düsseldorf 1995.